Fyodor Dostoyevsky · 1821–1881
I ch bin ein kranker Mensch ... ein schlechter Mensch ... Ein abstoßender Mensch bin ich. Ich glaube, ich bin leberleidend. Übrigens habe ich mir von meiner ganzen Krankheit noch nie einen rechten Begriff machen können; ja, genau genommen weiß ich überhaupt nicht, was in mir denn eigentlich krank sein könnte. Für meine Gesundheit tu ich nichts, wenn ich auch sonst vor der Medizin und sogar vor den Ärzten alle Achtung habe. Zudem bin ich noch fabelhaft abergläubisch – als Beweis dafür dürfte schon diese meine Hochachtung vor der Medizin genügen. Ich bin genügend gebildet, um nicht abergläubisch zu sein, trotzdem aber bin ich es, wie gesagt. Nein, meine Herren, wenn ich für meine Gesundheit nichts tue, so geschieht es einfach nur aus Bosheit. Nun, das z. B. werden Sie bestimmt nicht verstehen können. Ich aber, ich verstehe es vorzüglich! Ich kann es Ihnen natürlich nicht so ganz klar machen, wem ich denn eigentlich in diesem Falle mit meiner Bosheit etwas antun will. Ich weiß auch ganz genau, daß die Doktoren nichts verlieren, wenn ich mich nicht von ihnen behandeln lasse, – oh, ich weiß es selbst am allerbesten, daß ich damit nur mir allein schade und sonst niemandem. Trotzdem aber – wenn ich mich nicht kuriere, so geschieht es doch nur aus Bosheit. Also das Leberchen schmerzt? Na, so schmerz nur noch mehr, wenn du kannst!
... Ich lebe schon lange so, – zwanzig Jahre. Jetzt bin ich vierzig. Früher hatte ich eine Anstellung in einer Kanzlei; jetzt aber nicht mehr. Ich war ein boshafter Beamter. Ich war roh – und das freute mich. Da ich keine Sporteln nahm, mußte ich mich eben auf eine andere Weise entschädigen. – Hm, fauler Witz, aber ich streiche ihn nicht aus. Als ich ihn schrieb, glaubte ich, er würde sich geistreich ausnehmen, doch jetzt, da ich selbst einsehe, daß er dumm ist, streiche ich ihn erst recht nicht aus! –
... Saß ich an meinem Pult und trat jemand zu mir – meistens Bittsteller mit Anfragen –, so fuhr ich sie zähneknirschend an und fühlte labende Genugtuung, wenn es mir gelang, jemanden einzuschüchtern – und es gelang mir fast immer: wir wissen ja, – zaghaftes Volk, diese Bittsteller. Doch gab es da unter den dreisteren einen Offizier, den ich ganz besonders haßte. Er wollte sich für keinen Preis einschüchtern lassen und rasselte geradezu unverschämt mit seinem Säbel. Dieses Säbels wegen habe ich anderthalb Jahre lang mit ihm Krieg geführt. Endlich besiegte ich ihn: er ließ das Rasseln. Doch das war noch in meiner Jugend. Aber wissen Sie auch, meine Herren, worin gerade meine Hauptwut bestand? Das war ja der ganze Jammer, darin lag ja gerade die größte Gemeinheit, daß ich in jeder Minute, in jeder Sekunde, im Augenblick meiner stärksten Wut mir schmachvoll selbst eingestehen mußte, daß ich nicht nur kein boshafter, sondern nicht einmal ein böser Mensch bin, daß ich ganz umsonst nur Spatzen schrecke und damit mich selbst zu trösten suche. Schaum steht mir vor dem Munde – doch bringt mir ein Püppchen oder gebt mir ein Zuckerstückchen und ich werde mich höchstwahrscheinlich sofort beruhigen. Werde sogar ganz windelweich werden ..., wenn ich mich auch nachher am liebsten selbst zerfleischen würde und vor Schande Monate lang schlaflose Nächte habe ... Ich bin nun einmal so.